In den Medien scheint sich seit einigen Jahren ein regelrechter Wettbewerb zur Raucher-Horrormeldung der Woche abzuspielen. Um diese richtig einzuschätzen, müssen wir an die Quelle gehen und einen Blick auf die wissenschaftlichen Studien werfen, die als Grundlage für die Schockmeldungen dienen. Was ist dran, am "süchtigen Raucher"? Jedenfalls nicht so viel, wie immer behauptet wird.
Die Argumentation der Antiraucherbewegung ist vielschichtig wie eine Zwiebel: Da wäre zum einen Theorie vom "süchtigen Raucher", der sich ja dem Risikofaktor Rauchen gar nicht freiwillig aussetzt, sondern nur wegen der fiesen und tückischen "Droge" Nikotin nicht von der Zigarette lassen kann. Wenn der Raucher einfach bewußt ein Risiko eingeht, ist dies seine persönliche Sache – aber wenn er "süchtig" ist, dann muß ihm geholfen werden, notfalls gegen seinen eigenen Willen. Die Sucht der Raucher leidet jedoch unter großen definitorischen Schwierigkeiten: Klassifiziert man Rauchen als Abhängigkeit, wird quasi jede Form eines wiederholten Verhaltens zur Sucht, das man sich schwer abgewöhnen kann. Nach klassischen Definitionen von Sucht bleibt das Rauchen ganz klar außen vor – während eine Definition von Abhängigkeit, die auch Nikotin mit einschließt, so offen angelegt sein muß, daß sie wissenschaftlich praktisch wertlos wird.
Halten wir uns einfach vor Augen:
- Um Rauchen als "Abhängigkeit" bezeichnen zu können, war eine Veränderung der Definition nötig. Um Rauchen als "Sucht" bezeichnen zu können, mußte zunächst der abgeschwächte Begriff "Abhängigkeit" mit "Sucht" gleichgesetzt werden.
- Selbst Fachkreise sind sich nicht einig, ob "Nikotinabhängigkeit" oder "Tabakabhängigkeit" der passendere Begriff sein soll. Ganz klar jedoch ist, daß sich die Gewohnheiten der Raucher allein mit den Eigenschaften des Nikotins nicht erklären lassen.
- Ein simpler ärztlicher Rat sorgt für höhere Erfolgschancen beim Rauchverzicht als die meisten Nikotinersatzpräparate.
- Raucher als Süchtige zu bezeichnen, hat jedoch greifbare Vorteile für alle Beteiligten: Raucher werden die Verantwortung für ihr Verhalten auf einen Schlag los. Tabakunternehmen haben es mit einem Kundenstamm zu tun, der glaubt, ohne ihre Produkte gar nicht mehr leben zu können. Die Pharmaindustrie kann Nikotinpflaster und
-kaugummis verkaufen, für die sich ohne die Vorstellung vom süchtigen Raucher kein Mensch interessieren würde. Und in der Anti-Raucher-Bewegung ist schließlich der Raucher als Süchtiger ein PR-Schlüsselelement, ohne den sich weitergehende Eingriffe in die persönliche Lebensführung gar nicht rechtfertigen ließen - ganz abgesehen davon, daß sich der Begriff "Süchtiger" so herrlich als Ersatz-Schimpfwort einsetzen läßt.
Polemik oder Wissenschaft? Raucher als Süchtige (pdf; 214 KB)
FORCES International (Hrsg.): The Addictiveness of Nicotine 
Warburton, David M.: Addiction, Dependence and Habitual Substance Use 
Warburton, David M.: Is Nicotine Use An Addiction? 
Robinson, John H./Pritchard, Walter S.: The Role of Nicotine in Tobacco Use 
Robinson, John H./Pritchard, Walter S.: Differentiating Habits and Addictions: The Evidence that Nicotine is not "Addictive." 
Bozarth, Michael A.: Is Nicotine Addictive? A Re-evaluation of the Data 
Hamilton, Wanda: Big Drug's Nicotine War 
Bozarth, Michael A. et al.: Self-Limiting Action of Nicotine on Brain Reward Mechanisms (pdf; 101 KB) 
Bozarth, Michael A. et al.: Effect of Chronic Nicotine on Brain Stimulation Reward I 
Bozarth, Michael A. et al.: Effect of Chronic Nicotine on Brain Stimulation Reward II 
Eine objektive Debatte basiert immer auf den Standpunkten beider Seiten. Auch wenn die Übersichtspublikationen, die bisher einen Zusammenhang zwischen Rauchen und Sucht herstellen wollten, grundlegende Schwächen aufweisen, hier dennoch die Links zu den vollständigen Texten:
U.S. Department of Health and Human Services (Hrsg.): The Health Consequences of Smoking: Nicotine Addiction: A Report of the Surgeon General. Washington, D.C., 1988 
Royal Society of Canada (Hrsg.): Tobacco, Nicotine, and Addiction. Ottawa, 1989 
Royal College of Physisicians of London (Hrsg.): Nicotine Addiction in Britain. London, 2000 
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (Hrsg.): Tabakabhängigkeit. Hamm, 2003 (pdf; 3,0 MB)
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